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25.6.2008
Überforderte Eltern haben oft müde Kinder

Die Runde der Fachleute im Göppinger Rathaus fordert Eltern-Kind-Häuser
und gerechte Löhne
Artikel in der Stuttgarter Zeitung
Von Corinna Meinke

GÖPPINGEN. Politiker und Eltern haben bei der Diskussionsveranstaltung zum Thema Kinderarmut ihr Fett abbekommen. Drückebergerei und Unfähigkeit waren Stichworte, die bei einer Veranstaltung der Göppinger SPD-Gemeinderatsfraktion gehäuft fielen.

Göppingens Erster Bürgermeister Jürgen Lämmle macht sich Sorgen mit Blick auf die Eltern, die vielfach mit der Kindererziehung überfordert seien: ¸¸Es ist eine Katastrophe, wie Sorgeberechtigte die Weichen falsch stellen." Die Rektorin der Uhlandgrundschule, Gabriele Pitterle, forderte angesichts der Defizite in vielen Elternhäusern mehr Lehrerstunden für eine sinnvolle Nachmittagsbetreuung und einen Sozialarbeiter für ihre Schule. Damit freilich sei sie eigentlich beim Rathaus an der falschen Adresse, betonte Lämmle: ¸¸Es ist nicht in Ordnung, dass sich das Land aus der Schulsozialarbeit völlig zurückgezogen hat. Wir sind dafür gar nicht zuständig, aber weil es brennt, tun wir hier etwas."

Angeblich leben in Göppingen rund 860 arme Kinder. Die meisten kommen aus Migrantenfamilien oder sind Kinder von Alleinerziehenden. Im Kampf gegen die finanzielle Armut von Familien forderte Georg Kolb, der Leiter des Katholischen Verwaltungszentrums, faire Löhne und mehr lokalen Widerstand gegen Gewinnmaximierung durch Arbeitsplatzabbau.

Es waren immer wieder kämpferische Töne, die bei der Diskussionsrunde im Göppinger Rathaus angeschlagen wurden. Schließlich ging es um ein Thema, dass niemanden kaltzulassen schien. Kinderarmut zeigt sich oft nur subtil, wurde an diesem Abend deutlich. Zum Beispiel, wenn ein Schulkind Desinteresse am Schulausflug vortäuscht, weil der Familie das Geld dafür fehlt. Oder wenn es nicht am Mensaessen teilnehmen kann, weil die Mutter zum wiederholten Mal ¸¸vergessen" hat, ihm Geld dafür mitzugeben. In der Uhlandschule habe die Sekretärin inzwischen ein feines Gespür dafür entwickelt, wann sie einem Kind das Essensmärkchen auch ohne Entgelt in die Hand drücken müsse, erläuterte Pitterle.

Ähnlich bestürzende Details hatte Yvonne Dostal, die Leiterin des evangelischen Kindergartens in der Brückenstraße, zu berichten. So erlebe sie täglich Kinder, die unausgeschlafen in den Kindergarten kämen, weil sie abends viel zu lange vor dem Fernseher gesessen haben. ¸¸Sechs bis acht Stunden sind keine Seltenheit", sagte die Erzieherin. Oft sei die Zeit im Kindergarten die einzige Gelegenheit für die Kinder, sich gezielt zu bewegen. Entsprechend unbeholfen kämen sie bei alltäglichen motorischen Übungen daher, das Hüpfen und Springen sei für sie eine Herausforderung. Motorik und Sprachvermögen hingen zusammen, sagte wiederum die Diplompsychologin und Familientherapeutin Elke Looft von den SOS-Kinder- und Jugendhilfen. Sprachliche Defizite seien deshalb bei vielen Kindern vorprogrammiert. Und dieses Problem verschärfe sich. Sei es vor Jahren noch ausreichend gewesen, die betroffenen Kinder in kleinen Gruppen sprachlich zu schulen, bräuchten sie heute Einzelbetreuung.

Wirkliche Unterstützung vom Elternhaus sei in solchen Fällen oft nicht zu erwarten. Stattdessen bräuchten die Eltern selbst Hilfe. ¸¸Sie wissen nicht, was sie mit ihren Kindern anfangen sollen", so Dostal, die analog zum Kindergarten einen ¸¸Elterngarten" anregte. Diese Idee traf bei den Anwesenden auf offene Ohren. Elke Looft hat offenbar schon ein Konzept für eine Erziehungspartnerschaft mit dem Kinderhaus Domino in der Schublade, und auch Roy Hummel, der das Kinder- und Jugendhilfezentrum Rupert-Mayer-Haus leitet, regte die Umwandlung der Kindertagesstätten in Eltern-Kind-Häuser an.

Die Stärkung der Elternkompetenzen wurde als eine zentrale Forderung formuliert. Ansätze dafür werden bereits beim Konzept ¸¸Familie mobil" der Lokalen-Agenda-Gruppe Soziales oder im Familientreff des Hauses der Familie praktiziert. Politischen Niederschlag soll der Abend in einem Strategiekonzept der SPD-Ratsfraktion finden.

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