25.6.2008
Was Kinderarmut bedeutet
Podiumsdiskussion im Göppinger Rathaus – Hilfe soll forciert werden
Artikel aus SÜDWEST AKTIV in der NWZ Göppingen
von Michael Brust
Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Kinder- und Jugendarmut diskutierten
am Montagabend im Sitzungssaal des Rathauses Göppingen zahlreiche
Fachleute aus der Stadt über Probleme, Konsequenzen und Programme.
Göppingen
860 Kinder und Jugendliche leben in Göppingen in Armut. Dieses ernüchternde Ergebnis brachte der jüngste Armutsbericht zu Tage. Auf Anregung der SPD-Gemeinderatsfraktion erörterten nun einige Experten die Notlage.
Armut - was dies für Kinder bedeuteten kann, machte Elke Looft, Leiterin der SOS Kinder- und Jugendhilfen, mit einer nüchternen Aufzählung deutlich. Neben mangelnder sozialer Einbindung, die sich oft in geringem Selbstbewusstsein kenntlich mache und schlechteren Bildungschancen machte Looft vor allem auf die gesundheitlichen Konsequenzen aufmerksam: "Bei armen Familien ist die Säuglingssterblichkeit höher, es gibt häufiger Behinderungen, Übergewicht, Schlafstörungen und Zahnerkrankungen." Daraus resultiere ein geringeres Wohlbefinden und auch bei Kindern zunehmend Depressionen.
Viele dieser Folgeerscheinungen sind der Erzieherin Yvonne Dostal wohl bekannt. "Das sind alltägliche Probleme bei uns. Viele Kinder sitzen zwischen sechs und acht Stunden vor dem Fernseher", berichtet die Leiterin des ev. Kindergartens an der Brückenstraße. Unruhiges Betragen und teils gravierende motorische Mängel seien keine Ausnahme. Trotzdem möchte sie den Erziehungsberechtigten nicht die alleinige Schuld für die Missstände zuschieben. "Den Eltern kann man keinen Vorwurf machen, die brauchen selber Hilfe." Damit stimmte sie mit Bürgermeister Jürgen Lämmle überein: "Dem Kind in der Kita kann es nicht gut gehen, wenn es seinen Eltern nicht gut geht."
Hier setzten die Maßnahmen von Agathe Masserer, Leiterin des Hauses der Familie, an. Der kostenlose "Familientreff" bietet Eltern unter fachkundiger Beratung die Möglichkeit sich auszutauschen und soziale Kontakte zu knüpfen. Darüber hinaus werden eine offene Sprechstunde zu Gesundheitsfragen, ein Eltern-Café oder Mutter-Kindgruppen mit individueller Beratung angeboten. Dennoch bleiben offenbar Berührungsängste: "Die Nachfrage bleibt hinter unseren Erwartungen zurück", bilanzierte Masserer. Um eben jene Hemmschwelle abzubauen setzt die Lokale Agenda Göppingen um Sozialpädagogin Martina Wrobel auf ihr Familien-Mobil. Dieses Konzept sieht vor, dass ausgebildete Referenten in den Kindergarten kommen und so die Eltern in einem ihnen vertrauten Umfeld zu erreichen suchen. Hier sollen dann Hilfestellungen geboten werden. "Der finanziellen Armut können wir nicht zuvorkommen. Vielmehr wollen wir den Nebenwirkungen der Armut zuvorkommen", erklärt Wrobel. Vor allem um die Bildungschancen der verarmten Kinder macht sich Gabriele Pitterle, Rektorin der Uhland-Grundschule, Sorgen. Mit Sprachförderkursen in Deutsch und den Muttersprachen von Kindern mit Migrationshintergrund versucht man Rückstände wettzumachen. Zudem arbeite man an der Umstellung zur Ganztagsschule, so dass die Jugendlichen auch nachmittags sinnvoll betreut werden können.
Mit Vermerk auf die städtischen Leistungen wie Schulstarter-Set, Bonuskarte oder Zuschuss fürs Mensaessen stellte Roy Hummel, Leiter des Rupert-Mayer-Hauses, fest: "Es wird bereits viel gemacht, aber die Bestrebungen müssen noch forciert werden." Zudem mahnte er an, dass die Lokalpolitiker auch Forderungen an das Land stellen sollten.
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