27.02.2009
Ein Refugium für seelisch verletzte Kinder
In den Schlosshof von Rechberghausen zieht eine Wohngruppe des Rupert-Mayer-Hauses ein.
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung
von Klaus Nonnenmacher
Mit einem neuen Angebot will das Rupert-Mayer-Haus traumatisierten Kindern helfen. Im Wirtschaftsgebäude des Schlosshofes von Rechberghausen (Kreis Göppingen) wird eine Wohngruppe eingerichtet.
Rechberghausen
Über die Zukunft des malerischen Schlosshofs oberhalb von Rechberghausen, der dem Grafen von Degenfeld-Schomburg gehört, ist zuletzt viel gerätselt worden. Als Nutzung für das jahrhundertealte Wirtschaftsgebäude waren Männer-WGs, ein Handwerkerhof, ein Reiter- und Wellnesshotel und vieles mehr im Gespräch. Das Idyll aus Scheunen, Stallungen und der alten Schlosskapelle bietet Raum für allerlei, auch für allerlei Spekulationen. Nun hat das Rupert-Mayer-Haus, eine Einrichtung der Göppinger Stiftung St. Stephanus, den Zuschlag bekommen.
Im April soll die neue Wohngruppe „Refugio" im Wirtschaftshaus einziehen, das der Graf zurzeit aufwendig saniert und modernisiert. Doch kaum war der neue Mieter im vorigen Herbst im Ort bekannt geworden, schossen schon neue wilde Spekulationen ins Kraut. Auffällige Kinder, womöglich kriminell, stünden vor der Tür. Roy Hummel, der Leiter des Rupert-Mayer-Hauses, kann darüber nur den Kopf schütteln. Mit einem offenen Brief will er jetzt aufklären, was seine Einrichtung im Schlosshof vorhat.
Es gehe um traumatisierte Kinder. Kinder, die seelisch tief verletzt wurden und professioneller Hilfe bedürfen, die ebenso umfassend wie behutsam und individuell geleistet werden müsse. Schüler ab sechs Jahren, die durch schlimme Ereignisse das Vertrauen in die Welt verloren und Bindungsängste haben. „Das können Kinder mit Missbrauchserfahrungen sein, Kinder, die den Unfalltod der Eltern miterlebt haben oder Ähnliches", erklärt Roy Hummel. Für sie solle der Schlosshof zum Refugium werden. Ein Domizil, das sie mit fünf weiteren Kindern und fünf Betreuern teilen, die rund um die Uhr im Schichtdienst da sein werden und eng mit weiteren Fachleuten zusammenarbeiten.
Der Schlosshof mit seiner etwas abgeschiedenen Lage am Waldrand, von wo aus man aber zu Fuß in fünf Minuten im Ortszentrum sei, ist aus Hummels Sicht ein echter Glücksfall: „Der Rahmen ist geschützt, aber nicht völlig aus der Welt, und das Gebäude bietet viele Möglichkeiten." Das große ehemalige Wohnhaus des Gutsverwalters bietet für jedes Kind ein Zimmer, hinzu kommen eine Wohnküche, ein Dienstbüro und ein Spielzimmer sowie zwei Therapiezimmer.
„Die Kinder werden ganz normal zur Schule gehen wie alle anderen auch und sollen in der Wohngruppe einen geschützten Rahmen bekommen", erklärt Hummel. Unterstützt werden sie nach Bedarf mit therapeutischen und heilpädagogischen Maßnahmen. Die Wohngruppe solle Sicherheit bieten. Dort solle die Verlässlichkeit vorgelebt werden, die manche der Kinder in ihrem bisherigen Leben vielleicht nie erfahren durften.
Anfragen habe das Rupert-Mayer-Haus bereits landesweit. Die sechs Plätze im Refugio seien rasch ausgebucht, meint Hummel. Schließlich gebe es bundesweit bislang nur 14 solcher Wohngruppenangebote. Die Kosten übernehmen übrigens die Jugendämter der jeweiligen Heimatlandkreise der Kinder. Wie lange die Kinder im Refugio bleiben, ist Hummel zufolge schwer einzuschätzen. Zu individuell seien Traumata, zu verschieden die Art, wie jeder Einzelne damit umgehe. Beim einen lösen sie Angstzustände oder seelische Hemmnisse aus, die sich auch ganz unterschiedlich auswirken können. Andere hätten bessere Mechanismen, sich zu schützen, so Hummel. Die Erfahrung anderer Einrichtungen zeige, das manche Kinder bereits nach zwei Jahren wieder in eine offenere Betreuungsform wechseln oder gar in ihre Familie zurück könnten. „Andere bleiben bis zur Selbstständigkeit", sagt Hummel.
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