4.1.2010
Wenn Kinder in die Not geboren werden
Artikel in der Südwestpresse
von Andrea Maier
2010 ist europäisches "Jahr der Armut". Nur was man kennt, kann man verändern - deshalb stellen wir in einer Serie die Facetten von Armut vor.
Kreis Göppingen
"Materielle Sicherheit ist grundlegende Voraussetzung für die pflegende Erziehung eines Kindes." Roy Hummel betont eine Selbstverständlichkeit. Nicht umsonst: Die materielle Armut hierzulande wächst in erschreckendem Maß - und mit ihr Seelennot, Gesundheitsnot, Erziehungsnot, Bildungsnot.
Roy Hummel ist 43 Jahre alt, Sozialarbeiter und seit neun Jahren Leiter des Göppinger Rupert-Mayer-Hauses. Aus dem Haus für Kinder ist in den vergangenen Jahren ein stattliches Unternehmen mit 60 Mitarbeitenden an sechs Standorten gewachsen. Umfassende Kinder-, Jugend- und Familienhilfe wird hier über den Kreis hinaus angeboten. So auch die Mutter-Kind-Wohngruppe in der Hohenstaufenstraße in Göppingen.
Sechs Schwangere und junge Mütter oder Väter ab 14 Jahren finden hier Unterkunft, Unterstützung und Begleitung. Sie lernen für sich selbst zu sorgen. Erst dann sind sie in der Lage, ihrem Kind eine liebevoll pflegende Erziehung angedeihen zu lassen. "Oft kennen die jungen Frauen selbst kein existenziell abgesichertes Familienleben", gibt Roy Hummel zu bedenken. "Erst wenn sie sich sicher fühlen - und das bedeutet auch materiell sicher - können sie sich für die Bedürfnisse ihres Kindes öffnen." Wie bei Silvie, deren Name von der Redaktion geändert wurde. Silvie wuchs mit ihren beiden Geschwistern da auf, wo das Geld nie gereicht hat, wo nie Raum und Möglichkeit war, einfach Kind zu sein. So viele Wünsche blieben unerfüllt, so viel Scham hat sich eingebrannt, weil sie kein Vesper mit in die Schule bekam, weil Freunde oft mit Nahrungsmitteln aushelfen mussten. Eines Tages landete die Familie in einer Obdachlosenunterkunft. Silvie litt jämmerlich darunter "wie ein Penner" zu leben. Keinerlei Intimsphäre, kein Platz für ihre Bedürfnisse, während Altersgenossinnen zwischen den angesagtesten Friseuren, Reit- oder Musikschulen und den Fitness-Palästen pendelten. Auch als ihre Familie in eine Dreizimmerwohnung zog, raste die Spirale nach unten. Permanente Unzufriedenheit, Frustration, Aggression. Ihre Schwangerschaft machte die Not und das Unmögliche riesengroß.
In der Mutter-Kind-Wohngruppe hatte Silvie zuerst schlimm Heimweh - aus der Enge in einen eigenen Raum, das verunsichert komplett. Jetzt lernt sie eigene Ziele zu entwickeln, auf ihre eigene Gesundheit zu achten, einen Haushalt zu führen, ihr Kind anzunehmen und es mit Zuneigung zu umsorgen. Erst in der Wohngruppe hat Silvie die Möglichkeit, sich wieder um ihren Hauptschulabschluss zu bemühen, weil da Leute sind, die zuverlässig auf ihr Kind achten, während sie lernt zu lernen. Und weil sie die Möglichkeit hat, jeden Tag ein warmes Essen zu bereiten, zu entdecken, was ihr und dem Kind gut tut. "Armut hat viele Dimensionen, eine bedingt die andere."
Bei allen Missständen nimmt Roy Hummel aber auch eine zunehmende Aufmerksamkeit wahr. "Bürger achten mehr aufeinander und reagieren. Das ist sehr wertvoll", betont er. Roy Hummel versucht gerade auch im Rupert-Mayer-Haus eine Atmosphäre gegenseitiger Achtung und Wertschätzung wirken zu lassen.
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