6.10.2008
„Zum Glück bin ich hier”
Artikel aus SÜDWEST AKTIV in der NWZ Göppingen
von Friedemann Scheck
Miriam bekam mit 16 ihre Tochter – Rupert-Mayer-Haus hilft jungen Frauen
In der Mutter und Kind-Wohngruppe des Rupert-Mayer-Hauses wird jungen
Frauen und ihren Kindern Unterstützung geboten. Die 16-jährige Miriam und
ihre Tochter haben hier ein neues Zuhause gefunden.
Göppingen
Seit gut sechs Monaten lebt Miriam (Name geändert) in der Mutter und Kind-Wohngruppe des Rupert-Mayer-Hauses. Hier hat sie ihr neues Leben angefangen. Hier bekommt sie die Unterstützung, die sie braucht. Hier fühlt sie sich wohl. Auch wenn der Anfang schwierig war– jetzt möchte sie die Wohngruppe nicht mehr missen.
Es hat sich viel verändert. Vor fünf Monaten hat Miriam eine Tochter zur Welt gebracht – mit gerade mal 16 Jahren. „Geplant war das so nicht”, erzählt sie, „eine Abtreibung kam für mich aber nicht in Frage”. Der ebenfalls recht junge Vater des Kindes stand ihr zur Seite. Nach einem ersten Schrecken stellte sich auch die Mutter voll hinter ihre Tochter. Gemeinsam suchten sie nach einer Lösung. Wie sollten ein kleines Kind, die Schule und der Vollzeitjob von Miriams Mutter unter einen Hut gebracht werden? Das Jugendamt empfiehl die Wohngruppe, Miriam war einverstanden.
Davor hatte sie nichts so richtig ernst genommen, oft die Schule
geschwänzt und mit ihrer Mutter Probleme gehabt. Regeln waren ihr grundsätzlich zuwider. Jetzt fühlt sie Verantwortung gegenüber ihrer kleinen Tochter. Die ist auf ihre Mutter angewiesen; sie braucht deren Liebe, Zuwendung und Anwesenheit. Das verlangt Miriam einiges ab: „Es war schon eine Umstellung; nachts aufstehen zu müssen und nicht mehr ausschlafen zu könn”n." Sie hat sich fest vorgenommen, ihren Hauptschulabschluss zu machen und hofft auf eine Lehrstelle, vielleicht als Arzthelferin. Miriam hat neuen Lebensmut gefasst.
Daran haben die Mitarbeiterinnen der Wohngruppe einen großen Anteil. Sechs ausgebildete Sozialpädagoginnen und Erzieherinnen kümmern sich hier um junge Mütter in schwierigen Lebenslagen. Momentan leben sechs Frauen im Alter von 16 bis 27 Jahren mit ihren Kindern in der Außenstelle des Rupert-Mayer-Hauses. Sie wohnen in großen Zimmern oder in kleinen Appartements, je nach Dauer ihres Aufenthalts und ihrer persönlichen Umstände. Für die Väter gibt es feste Besuchszeiten. Die hauswirtschaftlichen Tätigkeiten werden gemeinschaftlich organisiert. „Das Ziel unserer Arbeit ist es, den Frauen eine Zukunftsperspektive zu geben”, sagt Gruppenleiterin Angela Wittlinger. Dazu gehört die Förderung und Unterstützung der Mütter in der Pflege und Erziehung ihrer Kinder, aber auch die Begleitung bei Arztbesuchen, die Hilfe bei Schulproblemen, bei der Ausbildungs- und Arbeitssuche. „Die jungen Frauen sollen nach zwei Jahren fähig sein, allein zu leben. Entscheidend ist aber der Einzelfall”, erklärt Angela Wittlinger. In der Wohngruppe gelten klare Regeln. Der Tag hat eine feste Struktur. Morgens, wenn Miriam zur Schule geht, passt eine ausgebildete Kinderpflegerin auf ihre Tochter auf. Nach dem gemeinsamen Mittagessen kümmert sich die junge Mutter um ihre Tochter, spielt mit ihr und geht spazieren. Wenn die Kleine schläft, kann sie ihre Hausaufgaben machen. Abends um sechs müssen alle in der Wohngruppe sein – das gemeinsame Abendessen am großen Tisch ist ein wichtiger Bestandteil des Zusammenlebens. Im Wohnzimmer gibt es für die jungen Frauen eine Sitzecke
mit Fernseher und Computer. Sind die Kinder friedlich, können sie hier einen gemütlichen Abend verbringen. Um elf Uhr ist Nachtruhe, spätestens jetzt müssen alle auf ihren Zimmern sein.
Trotz ihrer Pflichten als Mutter kann Miriam hier auch das „normale” Leben einer Jugendlichen führen. Einmal pro Woche und einmal am Wochenende kann sie ihre Tochter in der Obhut der Betreuerinnen lassen und ausgehen. Sie trifft sich dann mit Freundinnen. Im Sommer war sie mit der Gruppe sogar im Urlaub – und konnte endlich mal wieder in die Disco.
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