8.10.2010
„Sich einfach mal fallen lassen”
Artikel in der Südwest Presse
von Julia Nickel
Mutige Mädchen seilten sich gestern vom Turm der Stadtkirche ab. Die Aktion hatten das Rupert-Mayer-Haus und die Arbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit im Rahmen ihres 15-jährigen Bestehens gestartet.
Göppingen
"Komm Nora, du schaffst das!", feuert Susuri Fetanete ihre neunjährige Tochter an. Die Schülerin hatte unbedingt an der Aktion "Mutige Mädchen seilen sich ab" teilnehmen wollen. Die Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit im Rahmen ihres 15-jährigen Bestehens, hat gestern einige mutige Mädchen vor die Stadtkirche gelockt. Die jungen Mädchen hatten dort die Möglichkeit, sich einmal von einem Kirchturm abseilen zu lassen. So auch Nora, deren Mama unten "zum Auffangen bereitsteht", wie sie es nennt. Über die Schule und die Zeitung habe Nora von der Aktion erfahren: "Bitte, bitte, Mama, hat sie gesagt, und ich hab eingewilligt. Sie ist immer so mutig. Aber ich hab Angst."
Ich hätte auch gern, dass meine Mutter zum Auffangen bereitsteht, denke ich mir, als ich die vielen Treppenstufen des Turmes emporsteige. Das Glockenläuten wurde zum Glück extra für das Abseilen eingestellt. Auf dem Balkon des Kirchturms haben sich bereits einige Abenteurer eingefunden. Fünf Mädchen warten darauf, von der Erlebnispädagogin Ute Grünenwald abgeseilt zu werden. "Hier wächst man über sich hinaus. Überschreitet Grenzen", plaudert Grünenwald munter. Mit über sich hinauswachsen, meint sie die über 30 Meter Höhe, in der wir uns befinden. Grenzen zu überschreiten, heißt eigentlich, über das Balkongelände des Kirchenturms zu klettern, um sich abseilen zu lassen.
"Ich habe aber Höhenangst", versuche ich mich noch scherzhaft herauszureden. "Danach nicht mehr", antwortet Grünenwald. Gerade hilft sie einem zwölfjährigen Mädchen in den Gurt. Die Erlebnispädagogin aus dem Rupert-Mayer-Haus, einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung, klettert selbst und hat schon viele abgeseilt: "Normalerweise ist das Abseilen eher jungslastig. Die Aktion ist eine Abwechslung für die Mädchen. Sie sollen sich einfach mal fallen lassen - im wahrsten Sinne des Wortes." Ob denn schon einmal etwas passiert sei, frage ich, nicht sicher, ob ich die Antwort wissen will: "Nein, noch nie. Ich kann alle locker halten, da ein Brems- und Sicherheitsknoten mir die Last abnimmt." Außerdem gebe es eine zusätzliche Sicherung. Die Seile seien um das Gelände und den Kirchturm gebunden. Neben der abwechslungsreichen Erfahrung bietet die Aktion auch gleichzeitig einen grandiosen Ausblick auf ganz Göppingen. Was allerdings auch nicht gerade zu meiner Beruhigung beiträgt, soll ich mich doch gleich nur noch mit durchgestreckten Knien an der Mauer des Kirchturms in Richtung Erde abstützen.
Meine Vorgängerin kennt offenbar keine Angst. Es sei nicht das erste Mal, dass sie so etwas macht: "Es macht Spaß", sagt sie noch und schon ist sie auf dem Weg nach unten. Einmal Seil raufziehen, in den Gurt reinschlüpfen und Helm aufsetzen, nun stehe auch ich auf der Leiter, bereit zum Abseilen. Bereit? Es gibt kein Zurück mehr, ich will meine Angst überwinden, schließlich waren schon viele mutige, jüngere Mädchen vor mir an der Reihe. Mein einziger Gedanke: Bloß nicht nach unten schauen. Im nächsten Moment hänge ich auch schon "am seidenen Faden" und stütze mich mit den Füßen an der Mauer des Kirchturms ab. Das Schwierigste ist, technisch gesehen, der Schwerkraft nicht nachzugeben. Meine Beine schleifen viel mehr an der Wand entlang, als das ich mich elegant abstoße. Im Wind schwankend bewege ich mich dann allerdings relativ schnell der Erde entgegen. Nach gefühlten 100 Metern stehe ich dann endlich wieder auf festem Boden: "Ich wünschte, das hätte ich vor meinem Abitur gemacht. Dann hätte ich vor den Prüfungen keine Angst gehabt", plappere ich aufgeregt. Unten angekommen, verstehe ich den Sinn der Aktion umso besser: Wer sich als Mädchen einmal von einem Kirchturm dieser Höhe abgeseilt hat, der vergisst das nicht so schnell und kann stolz auf sich sein. Das kann in der ein oder anderen Lebenssituation ganz hilfreich sein.
So cool wie Nora bin ich dann aber nicht. Nachdem die neunjährige Göppingerin und ihre Mutter sich glücklich und erleichtert in die Arme gefallen sind, fragt jemand, ob sie noch mal will: "Ja wenn ich darf."
zurück
|